Armut und Ungleichheit sind sexistisch

Aktuelle Erhebungen von UN-Women belegen: Weltweit leben 122 Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren in extremer Armut, also von weniger als 1,55 € am Tag, verglichen mit 100 Männern derselben Altersgruppe. Weltweit sind nur 13% der Personen, die Agrarflächen besitzen, Frauen. Frauen leisten 2,6-mal so viel unbezahlte Sorge- und Hausarbeit wie Männer. Die globalen geschlechtsbedingten Entgeltunterschiede belaufen sich auf 23 Prozent. In ländlichen Gegenden erreicht die Lohnlücke sogar bis zu 40 Prozent. Selbst 70% der working poor sind Frauen. Viele haben nur eine Mahlzeit am Tag.

Diese Frauenarmut zu bekämpfen ist ein Anliegen vom Marie-Schlei-Verein, das über Geschlechtergerechtigkeit hinausgeht. Denn: Frauen investieren einen größeren Anteil ihrer Einkünfte in ihre Familien, als Männer dies tun. Ökonomisches Empowerment von Frauen kann somit Effekte erzielen, die weit über die individuelle Stärkung von Frauen hinausgeht. Hätten Frauen in ländlichen Regionen dieselben Ressourcen wie Männer, so würden jährlich 150 Millionen Menschen weniger Hunger leiden. Wenn wir Armut überwinden wollen, wie es die UN-Agenda 2030 zum ehrgeizigen Ziel hat, müssen wir anerkennen, dass Armut nicht nur ein weibliches Gesicht hat, sondern schlicht sexistisch ist.

2018 sind Kleinbäuerinnen in Entwicklungsländern im Fokus von Frauenentwicklungsprojekten. Kleinbäuerinnen, die in Entwicklungsländern die Ernährung der Bevölkerung gewährleisten, leiden am meisten Hunger. Hauptursachen für den Hunger sind Landenteignungen, geschlechtsspezifische Diskriminierungen, die Diskriminierung der Landwirtschaft, der fehlende Zugang der Frauen zu Landtiteln, Wasser, Beratung, Saatgut und Krediten. Das ist ein Skandal. Ohne diesen Zugang und eine Verbesserung der ländlichen Infrastruktur können Frauen weder der Armut und noch dem Hunger entkommen.

Auch die Globalisierung geht zu Lasten der Kleinbäuerinnen, weil Konzerne zunehmend Land erwerben und die Produkte der Kleinbäuerinnen auf den Märkten nicht mit den Preisen von importierten Waren konkurrieren können. Hinzu kommen die durch den Klimawandel bedingten landwirtschaftlichen Veränderungen. Deswegen müssen Kleinbäuerinnen gefördert und geschützt werden.

In afrikanischen Projekten fördert der Marie-Schlei-Verein 150 Pilzbäuerinnen in Kasese, Uganda. Unterstützt werden auch Gemüsebäuerinnen, die in einem sogenannten Küchengarten ökologisch verträglich Möhren, Tomaten, Bohnen, Kürbisse, afrikanisches Blattgemüse und Kräuter anbauen. In zwölf kenianischen Fischteichen, Homa-Bay, züchten die Frauen in selbst ausgehobenen Teichen den besonders nährstoffreichen und eiweißhaltigen Tilapia-Fisch.

In allen diesen Projekten geht es um die wirtschaftliche Stärkung der Frauen. Damit kann nicht nur der Hunger in Afrika eingedämmt werden, sondern die Bäuerinnen erzielen ein bescheidenes Geldeinkommen, mit dem sie den Schulbesuch der Kinder, die medizinische Versorgung und die zweite Mahlzeit am Tag bezahlen können. Sie gewinnen an Selbstbewusstsein und Mitsprache in den Dörfern.

Problematisch ist, dass Entwicklungszusammenarbeit zunehmend als Migrationsabwehr-Politik missbraucht wird. Anstatt Fluchtursachen zu bekämpfen und in zukunftsträchtiges sozio-ökonomisches Empowerment von Frauen und Infrastrukturprojekte zu investieren, werden Entwicklungsgelder und Ressourcen der GIZ in den Ausbau der Festung Europas und Grenzsicherung fehlgeleitet. Zudem werden Ausgaben für Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten in Deutschland als Entwicklungsausgaben deklariert. Das ist nicht akzeptabel.

Unsere Partnerinnen in Afrika brauchen die Zusammenarbeit. Sie werden von ihren Regierungen weitgehend allein gelassen. Deswegen geht es um ihr Überlebens- und Entwicklungsangebot, nicht um unseres. Wir sind keine Patinnen, sondern Partnerinnen und respektieren seit der Gründung vom Marie-Schlei-Verein Frauen und ihre Entwicklungswege.

Fischteiche am Victoria- See? Eine schräge Idee, denn der Victoria-Barsch wird nach Europa exportiert. Der Fisch ist nicht vor Ort erhältlich. Die Bevölkerung leidet an Mangelernährung. Frauen sind stark und betreiben Fischteiche.

Gemüse und Pilze als Einkommensquelle? Verächtlich schürzen sich Lippen über die Küchengärten von afrikanischen Frauen. Dabei schärfen sie das Gefühl für Ernährungssicherheit und Einkommensquellen.

Vanille als Männerprojekt? Das wollen Ugandas Bäuerinnen ändern. Die lukrative Ressource bauen sie an und lernen alles, um 2019 endlich ein Einkommen zu haben.

Frauen in Elendsquartieren der Großstädte: vergewaltigt, allein gelassen und ohne Bildung: Junge Alleinerziehende wehren sich und beginnen eine Bäckereiausbildung, backen Kuchen, die besser schmecken als in vielen Konditoreien. Aber auch ehrgeizig in ihrem Bestreben, über Algenmehl in Treibhäusern die eiweißhaltige Ernährung zu verbessern und damit Geld zu verdienen.

Entwicklungszusammenarbeit, wie helfen wir richtig

Immer wieder wird Entwicklungszusammenarbeit in einer Fundamentalkritik als schädlich verurteilt. Auch afrikanische Wissenschaftler kritisieren die Entwicklungszusammenarbeit, da jeder Mensch und jede Gesellschaft sich nur selbst entwickeln kann und ausländische Helfer Verantwortung für die Entwicklung übernehmen. Die Gleichung mehr Geld gleich mehr Entwicklung geht allerdings nicht auf. Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit ist angebracht. Dennoch können wir uns nicht verweigern, wenn in Entwicklungsländern Hunger, Unterentwicklung, Armut und Trinkwassermangel herrschen. Die UN-Menschenrechtserklärung stellt fest, dass alle Menschen die gleichen Rechte und die gleiche Würde haben. Dazu müssen auch wir beitragen.

Die Frauenprojekte des Marie-Schlei-Vereins setzen auf das Empowerment von Frauen und unterstützen die menschliche Entwicklung über berufliche Qualifizierung, ökonomische Alphabetisierung, Investitionshilfe zum Start oder Mikrokredite. Diese Entwicklungszusammenarbeit ist Hilfe zur Selbsthilfe. Über die Projekte entscheiden die Frauen selbst. Wir sind keine Patinnen, sondern Partnerinnen, die Solidarität mit Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika organisieren.

Die neue deutsche Entwicklungszusammenarbeit wie auch die Entwicklungszusammenarbeit aus der Sicht der G20-Staaten kann nicht überzeugen. Hier wird einseitig auf ausländische Privatinvestitionen gesetzt. Weder die ILO-Kernarbeitsnormen und verbindlichen Umweltnormen noch die Menschenrechte werden als Bedingungen für die Förderung von deutschen oder europäischen Privatinvestitionen den Unternehmen abverlangt. Eine solche einseitig auf Privatinvestitionen abgestellte Entwicklungszusammenarbeit kann nur dazu führen, dass die Interessen der Bevölkerung marginalisiert werden und Großkonzerne Zugriff zu Ressourcen in Entwicklungsländern erhalten. Damit entstehen neue Ausbeutungsprozesse zulasten der Bevölkerung in Entwicklungsländern.

Gebraucht wird weiterhin die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit zur Verbesserung insbesondere der ländlichen Infrastruktur, der Bildung z. B.  Das bedeutet aber nicht, dass die staatliche Entwicklungszusammenarbeit durch Deutschland oder Europäische Union nicht reformbedürftig ist – im Gegenteil. Bildung, Bewässerung, ländliche Infrastruktur, Gleichstellungsprogramme müssen Priorität haben, damit die Ziele der UN-Agenda erreicht werden. Wenn alle Menschen ein Anrecht auf ein besseres Leben und gute Arbeit haben sollen, muss auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse, die soziale Sicherheit und Partizipation Wert gelegt werden.

Schadet EZ?

Wenn Staaten der Dritten Welt einen selbstbestimmten demokratischen, sozial gerechteren Entwicklungsweg gehen wollen und um Hilfe rufen, dann dürfen wir nicht einfach weghören. Wenn Dürren durch Klimaveränderung das Leben der afrikanischen Frauen erschweren, Hunger in ländlichen Regionen zunimmt, dürfen wir nicht wegsehen. Wenn es um die Solidarität mit Hungernden und Unterdrückten geht, können wir keine Verweigerungshaltung einnehmen. Aber es bleibt wichtig, die Fehler der Entwicklungspolitik und von Entwicklungsprojekten aufzudecken, um aus ihnen zu lernen. Ich komme gerade aus Afrika und verstehe nicht, dass die EU und Deutschland nicht Bewässerungsprojekte im Afrika Südlich der Sahara zu ihrem Schwerpunkt gemacht haben. Gerade aus Frauensicht.

EZ muss und kann gesellschaftliche Transformation möglich machen. Ausländische Privatinvestitionen sind nicht der Königsweg, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Afrika zu verbessern, auch nicht anderswo. Investitionen ohne die Garantie von Menschenrechten, ILO- und Umweltstandards sind kontraproduktiv für Weltklima, Verteilungsgerechtigkeit und Abbau der Ungleichheit. Handel als Alternative?

Regierungen der Entwicklungsländer sollten ihr Augenmerk auf möglichst gute Rahmenbedingungen für den Handel legen. Die EPAS sind kein Vorbild. Es geht doch um fairen Welthandel. Außerdem darf der Handel nicht durch Subventionen der Industrieländer beeinträchtigt werden.

EZ kann der Gleichstellung von Frauen nützen

Geschlechtergerechtigkeit und Frauen Empowerment, Ziel 5 der UN- Agenda 2030, Helfen wir richtig?

Überall in Lateinamerika, Asien und Afrika sehen wir großartige Investitionsinitiativen. Wem nützen sie? In der Regel den Investoren.

Überall sehen wir Unternehmen, die keine Steuern bezahlen. Wem nützen sie? In der Regel sich selbst, einheimischen Eliten und ausländischen Investoren.

Überall ist Frauenarbeit diskriminiert, durch Ausbeutung, Gesundheitseinbußen, geringe Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten blockiert und auf niedrigstes Einkommensniveau festgelegt.

Frauen werden gebraucht. Sie sind der Schlüssel der Entwicklung. Sie sind nicht nur die Reservearmee des alten und neuen Kapitalismus. Sie begehren auf und fordern ihre Rechte- in der EU, in Indien, in El Salvador, in Brasilien, aber auch in Afrika. Dabei kann Entwicklungszusammenarbeit helfen. Entwicklungszusammenarbeit muss dazu beitragen, dass sich die Weltordnung zugunsten der Benachteiligten ändert– in kleinen Schritten. Das tut der Marie-Schlei-Verein und jeden Tag geschieht ein kleines Wunder in den Projekten, weil Fische gefangen, Körner gemahlen, Gemüse vermarktet und handwerkliche Fähigkeiten gelernt werden.

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath, Vorsitzende Marie-Schlei-Verein, Kooperationsveranstaltung 16. März 2018 Bonn, VHS Bonn, Marie-Schlei-Verein & Südwind