Bolivien, IPTK, Ausbildung von Frauen in Sucre

In dem lateinamerikanischen Land Bolivien ist die Armut trotz einer reformorientierten Politik und umfassender Entschuldungsinitiativen weiterhin groß. Unter den südamerikanischen Ländern ist Bolivien beispielsweise das Land, in dem die Bevölkerung am stärksten von Fehl- und Mangelernährung betroffen ist. Die Ernährung hängt von der kleinbäuerlichen Familienwirtschaft ab. Vielen Familien, insbesondere Frauen, fehlt jedoch der Zugang zu Ausbildung, Beratung und Krediten, um die Produktivität zu steigern. Mangel- und Fehlernährung bleiben besonders für indigene Frauen eine Herausforderung.

Die bolivianische Gesellschaftsstruktur ist stark durch Ungleichheit geprägt. Die sozioökonomischen Trennlinien verlaufen zwischen Stadt und Land sowie zwischen Hoch- und Tiefebene und insbesondere zwischen den Ethnien. Die soziale, politische und wirtschaftliche Beteiligung der indigenen Bevölkerung, die mit rund 60 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung in Bolivien ausmacht, stellt noch immer eine Herausforderung dar. Häufig sind Frauen von gesellschaftlicher und ökonomischer Teilhabe ausgeschlossen und können nicht für ihre Rechte eintreten

In den ländlichen Gemeinden um die Stadt Sucre ist die Situation alarmierend. Die indigene Bevölkerung lebt dort in extremer Armut. Ein Drittel hat keinen Zugang zum Trinkwasser- und Abwassersystem. Zwei Drittel der Bevölkerung sind im informellen Sektor ohne soziale Sicherung beschäftigt. Die Analphabetenrate ist nach wie vor hoch und der Zugang zu Bildung aufgrund der fehlenden Infrastruktur schwierig. Die landwirtschaftliche Produktivität ist sehr gering. Im Durchschnitt produzieren die Kleinbauern acht Tonnen Kartoffeln pro Hektar. Zum Vergleich: in Chile wird die dreifache Menge aus dem Boden geholt.

Das Einkommen vieler Familien liegt bei weniger als einem Dollar pro Tag. Ein Großteil der Frauen ist in der Subsistenzwirtschaft tätig. Sie bearbeiten kleinere Felder und haben häufig einige wenige Tiere (Schafe, Geflügel, Kühe, Ziegen oder Schweine). Die wenigen Erträge, die Frauen aus ihrer Subsistenzwirtschaft erhalten, verwenden sie für die Ernährung der Familie. Für die notwendigen Ertragssteigerungen fehlt ihnen Wissen und Geld, um entsprechendes Saatgut kaufen zu können oder notwendige Investitionen zu tätigen. Wenn doch ein kleiner Überschuss erwirtschaftet wird, fehlen Strategien zur Vermarktung der angebauten Produkte und das Selbstbewusstsein für die Verhandlungen mit Zwischenhändlern.

Ziel der Zusammenarbeit zwischen dem Marie-Schlei-Verein und dem Projektpartner „Instituto Politecnico Tomas Katari“ (IPTK) ist es, die Lebensbedingungen der Frauen und ihrer Familien zu verbessern. Die Frauen sollen aufgrund von Ausbildungen eine Grundlage erlangen, wie sie ihr Einkommen verbessern können. IPTK arbeitet dazu mit insgesamt 13 Frauenorganisationen aus der Gemeinde Sucre zusammen. In den 13 Gruppen sind insgesamt 175 Frauen, höherwertiges Saatgut und setzen sich für den ökologisch nachhaltigen Gemüseanbau ein. Sie verwenden keine chemischen Düngemittel.

Die Frauengruppen haben sich auf unterschiedliche Bereiche spezialisiert, u.a. Brot- und Kuchenbäckerei, Marmeladenproduktion und Textilienherstellung. Mit Unterstützung von IPTK haben die Frauengruppen an zwei größeren Märkten teilgenommen sowie die Ausbildung in Marketing und Buchhaltung begonnen. Des Weiteren stehen sie in Verhandlungen mit lokalen Firmen oder Supermärkten, um langfristige Verkaufsverträge für ihre Produkte abzuschließen. Die Frauen sind weiterhin in der Subsistenzwirtschaft tätig. Durch das Projekt haben die Frauen Gemüsebeete neu angelegt oder bereits vorhandene Beete diversifiziert. Das produzierte Gemüse dient dem Eigenverbrauch aber auch dem Verkauf. So haben die Frauen auch gelernt, einfache Gerichte herzustellen, um diese auf den lokalen Märkten zu verkaufen (z.B. Gemüseburger, Quinoa-Salate mit verschiedenen Gemüsesorten sowie herzhafte Kuchen).

Kurse in Ernährung und Hygiene sollen dazu beitragen, dass Fehl- und Mangelernährung in den Familien in Zukunft vermieden werden kann. Die Frauen lernen, auf eine gesunde Ernährung für sich und ihre Familie zu achten. In dem Projekt werden auch Kurse über Frauenrechte, Gendergerechtigkeit und gesellschaftliche Partizipation angeboten. Dadurch steigt das Selbst-bewusstsein der Frauen. Der Austausch der Frauen untereinander trägt viel dazu bei. Sie nehmen ihre Rechte wahr und beteiligen sich an dem Leben in ihren Gemeinden. Auf diese Weise setzen sie sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der ländlichen Frauen ein.

Das Projekt wird mit einem Zuschuss der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung gefördert.