Nachbetrachtung zur Fachkonferenz „Klima und Stadtentwicklung gendergerecht gestalten“

19.11.2020: „Nachhaltigkeit bei Klima und Stadtentwicklung – wo bleiben Gleichberechtigung und Emanzipation?“, digitale Fachkonferenz

Nach einem Grußwort von Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt (Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen) sowie den Inputs der Fachreferentinnen Prof. Dr. h.c. Randzio-Plath (Marie-Schlei-Verein), Dr. Nadine Appelhans (TU Dortmund, Stadt- und Regionalsoziologie) und Patricia Bohland (LIFE e.V.) wurde das Querschnittziel 5 „Geschlechtergleichstellung“ der UN-Agenda 2030 bezüglich Klima und Stadtentwicklung diskutiert. Gemeinsam mit den Teilnehmer*innen wurden Lösungsansätze und Forderungen ebenso erörtert wie aktuelle Missstände. Moderation: Dr. Anke Butscher.

Partizipation und die Beteiligung von Frauen sind auch bei der Bekämpfung der Klimakrise nicht nur wünschenswert, sondern unverzichtbar, denn die Klimakrise verschärft die bestehenden Ungleichheiten. Zurzeit steuern wir mit den aktuellen CO2 Emissionen auf über drei Grad hin. Dieses Medium-Szenario (es geht auch schlimmer) hätte schon verheerende Auswirkungen hinsichtlich Trinkwasserversorgung, Extremwetterereignisse, Überflutungen etc. Diese werden Gesundheit, Armut, Migration und gewalttätige Konflikte verschärfen. Davon werden überproportional Frauen betroffen sein, da sie z. B. in ländlichen Regionen oft die Bevölkerungsmehrheit darstellen, aber z. B. wegen fehlender Landrechte an Vorsorgeplänen sowie Ersatz- und Ausgleichszahlungen nicht beteiligt sind und auch von der damit einhergehender zunehmendem Gewalt mehr betroffen sein werden. Dabei sind der Klimawandel selbst und patriarchale Machtstrukturen eng miteinander verknüpft, wie beispielsweise innerhalb von industriellen Bergbau- und Agrarindustrie-Projekten, die einen hohen CO2-Output haben. Diese werden von Männern geführt, vertreiben aber für Landnahme überproportional die Frauen. Sie erhöhen die psychische und sexuelle Gewalt gegen Frauen in den Randbereichen ihres Wirkungsbereichs und fördern ihre Ausbeutung in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Studien zeigen, dass der CO2-Fußabdruck von Frauen geringer ist, sie häufiger ein höheres Umweltbewusstsein zeitigen und den Ausschluss von Risikotechnologien präferieren – für den Umbau in nachhaltige und damit zukunftsfähige Gesellschaften damit unverzichtbar. Leider ist ihr Einfluss in den entscheidenden Schlüsselbranchen und -gremien auch wegen schlechterer Bildungschancen sehr gering. In Führungspositionen sind sie kaum vertreten. In den Umweltbranchen und -gremien machen sie lediglich 16 % aus. So wundert es kaum, dass – obwohl überproportional betroffen – Genderperspektiven bei weltweiten Klimamaßnahmen nationaler Politiken nur zu einem Drittel berücksichtigt werden. Hier zur Präsentation.

In den Ländern des globalen Südens ist die Urbanisierung der Städte nicht zentral gesteuert. Entgegen der gängigen Klischees findet die Urbanisierung nicht in den bereits bestehenden Megacitys statt, sondern vor allem in den mittelgroßen Städten. Die Ausweitung des städtischen Raums trifft dabei auf die ländliche Randbevölkerung, deren Leben und Traditionen sich dadurch häufig schneller ändern müssen, als die Menschen dies bewusst gestalten könnten. Zwar müssen aufgrund wirtschaftlicher Erfordernisse Frauen in den Ländern des globalen Südens, betroffen von Urbanisierung, neue Räume erobern, aber meist nimmt ihre Ausbeutung damit zu. Auch wenn sie im Verlauf dieser Entwicklung zunehmend in Männerberufen arbeiten wie beispielsweise auf dem Bau, sind sie dann überproportional prekär und informell beschäftigt. Hinzu kommen für die Frauen weitere Belastungen, wie höhere Ausgaben für Strom, Wasser und Lebensmittel, wegfallende soziale Netze, die die Sorgearbeit unterstützen. Somit wird die Resilienz geschwächt, was sich auch auf die Psyche und Gesundheit der Frauen niederschlägt. Die großen Herausforderungen für die Politiken dabei sind vor allem die Bereitstellung notwendiger Infrastruktur wie Verkehr, Wasser, Strom und Kommunikation. Leider sind bei der Gestaltung der Städte jedoch weniger als 10 % Architektinnen beteiligt. Somit ist inklusive Stadtentwicklung ein Ideal. Eine gute Stellschraube wäre die Ausbildung weiblichen Fachpersonals, um zukünftig mehr weibliche Beteiligung in stadtplanenden Gremien zu haben. Bereits gelungene Beispiele wie in Kenia und Äthiopien weisen denn auch auf zukunftsfähige Gestaltung auf, die auch den Bedürfnissen der Frauen hinsichtlich Sicherheit vor männlicher Gewalt, Bildungs- und Raumangebote für Kinder und standortnaher Lebensmittelversorgung Rechnung tragen. Hier zur Präsentation.

Geschlechtergerechtigkeit und die wegweisenden Forderungen der Aktionsplattform Peking sind längst noch keine Realität für Frauen geworden, aber es gibt auch Glücksfälle. Wir haben zum Beispiel die erste EU-Kommissarinnen, Müttersterblichkeit wurde gesenkt, die skandinavischen Länder haben große Errungenschaften hinsichtlich Geschlechtergleichstellung in Politik sowie Wirtschaft bewerkstelligt und 131 Staaten gehen heutzutage gegen die Diskriminierung von Frauen vor. Nichtsdestotrotz gibt es viel zu tun. Die Gleichstellung der Frau ist ein bedeutender Faktor für die notwendige Entwicklung einer nachhaltigen Transformation unserer Gesellschaften. Ohne ihr Wissen, ihre Perspektiven und Fähigkeiten und mit nur der Hälfte der Weltbevölkerung ist diese nicht zu bewerkstelligen. Geschlechtergleichstellung ist in der UN-Agenda 2030 ein bei allen zu verwirklichenden 17 Zielen Querschnittsziel, das immer mitgedacht werden muss. Und nach wie vor sind Frauenrechte Menschenrechte. Das trotz der bereits vorhandenen Beschlüsse und Gesetze ihre Verwirklichung durch mangelnden politischen Willen weltweiter Politiken verhindert wird, muss daher in diesen kritischen Zeiten Ansporn für weitaus mehr Engagement sein. Gerade wegen der negativen wirtschaftlichen Auswirkungen Pandemie, der zunehmenden Ungleichheit und der Zunahme von Gewalt, von denen weltweit vor allem Frauen betroffen sind, ist es wichtiger denn je, sich für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen. Hier zur Präsentation.

Gemeinsam mit den Teilnehmer*innen wurden im Anschluß an die Fachinputs folgende Positionen erarbeitet:

  • Geschlechtergerechtigkeit kann umgesetzt werden, wenn mit und nicht ohne Frauen entschieden wird. Deswegen wird für Deutschland und weltweit die Geschlechterparität für alle öffentlichen Ämter und Mandate gefördert.
  • Wirtschaftliches Empowerment von Frauen muss dazu führen, dass in Entwicklungsländern die Arbeit der Frauen im informellen Sektor ohne Sozialschutz beendet wird und das in allen anderen Ländern prekäre Beschäftigung verboten wird. Gleichzeitig muss die Lohnungleichheit beendet werden.
  • Das Bewusstsein für Geschlechterdiversität muss gestärkt werden, um angemessen in der Stadtentwicklung berücksichtigt zu werden.
  • Inklusivität ist ein Leitbild in der Stadtentwicklung von dem alle profitieren, wenn die Geschlechtergerichtigkeit gestärkt wird.
  • Klimapolitik muss bei allen Maßnahmen Gender berücksichtigen.
  • Klimapolitik kann nur dann transformativ sein, wenn sie Menschen in ihren Fokus nimmt und soziale Ungleichheiten und Machtverhältinisse verändert.

Die Veranstaltung wurde unterstützt von der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung aus Zweckerträgen der Lotterie Bingo! Die Umweltlotterie.

Fotos (c) Marie-Schlei-Verein.

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